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Dr. Dr. Franklin A. Oberlaender - Psychologischer Gutachter mit den Spezialgebieten: Gutachter in familiengerichtlichen Prozessen, GlaubwA1rdigkeitsgutachten
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Dr. Dr. Franklin A. Oberlaender

Psychologischer Gutachter mit den Spezialgebieten: Gutachter in familiengerichtlichen Prozessen, Glaubwürdigkeitsgut-
achten

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Oberlaender,
F.A. (1996): "Wir aber sind nicht Fisch und nicht Fleisch"
Christliche "Nichtarier" und ihre Kinder, in: Biographie
und Gesellschaft (Hrsg., Fuchs-Heinritz, W., Kohli, M., Schutze,
F.). Opladen: Leske& Budrich

Abstract

Als vor einigen Jahren Franklin A. Oberlaenders Studie "Wir aber sind nicht Fisch, sind nicht Fleisch"[1] erschien, wurde ein bis dahin lediglich in den Randgebieten der Kirchengeschichte als auch der Geschichte der Judenverfolgung behandelter Untersuchungsgegenstand in den Blickpunkt einer breiteren Oeffentlichkeit gestellt: das Schicksal der Christen, die die nationalsozialistische Rassenideologie als "juedischer" oder "nichtarischer" Herkunft kategorisierte und die daher den Diffamierungen, Verfolgungen und Ausgrenzungen der auf dieser Ideologie beruhenden Politik der Nationalsozialisten ebenso ausgesetzt waren wie die wegen ihrer mosaischen Religionszugehoerigkeit Verfolgten. Das Schicksal von Konvertiten und Dissidenten juedischer oder teilweise juedischer Herkunft als eigenstaendigen Forschungsgegenstand zu untersuchen und somit weder als Begleiterscheinung antijuedischer Verfolgungspolitik noch aus dem Blickwinkel des Verhaltens der Kirchen zu ihren aus rassenideologischen Gruenden verfolgten Mitgliedern zu beschreiben, ist auch das Ziel der 1994 an der TU Darmstadt als Dissertation vorgelegten Arbeit von Aleksandar-Sasa Vuletic, die 1999 unter dem Titel "Christen juedischer Herkunft im Dritten Reich" im Druck erschienen ist.

Im Mittelpunkt dieser vorwiegend als Verbandsgeschichte angelegten Untersuchung steht der im Juli 1933 als Interessenvertretung und "Sammlungsbecken" "nichtarischer" Christen gegruendete "Reichsverband christlich-deutscher Staatsbuerger nichtarischer oder nicht rein arischer Abstammung". Die Selbsthilfebemuehungen des Vereins vor dem Hintergrund der sich seit 1933 immer mehr verschaerfenden Verfolgungspolitik der Nationalsozialisten, die aus dieser resultierenden Umbenennungen Ende 1934 in "Reichsverband der nichtarischen Christen" und 1936 in "Paulus-Bund. Vereinigung nichtarischer Christen" sowie die aufgrund der Konsequenzen der "Nuernberger Gesetze" notwendig gewordene Gruendung der Nachfolgeorganisation "Vereinigung 1937" im Jahr 1937 bis hin zum endgueltigen Verbot durch die Gestapo im Jahre 1939 stehen im Mittelpunkt der Studie, die sich damit ueber den Rahmen der bisher vorgelegten Forschung hinaus bewegt.

Bevor sich A.-S. Vuletic dem eigentlichen Ziel seiner Untersuchung annaehert, Kontinuitaet und den Wandel der Zielsetzungen, die organisatorische Entwicklung der genannten Selbsthilfeorganisationen sowie die konfessionelle und soziale Zusammensetzung ihrer Mitgliedschaft darzulegen, widmet er sich den bisher zur Frage der Begrifflichkeiten, zur Statistik ueber den Betroffenenkreis und zu Fragen des Verhaltens der Kirchen vorgelegten Forschungen, die jedoch in weiten Teilen noch auf dem Stand von 1994 basieren.

So zwingt ihn "die Fuelle anderer Benennungen" (S. 14)--"Juden", "Judenchristen", "nichtjuedische Stammesjuden", "Mischlinge", "Nichtarier"--diese in ihrem Gebrauch und ihrer historischen Bedeutung zu erlaeutern, da sich darin die verschiedenen gesellschaftlichen Muster der Wahrnehmung der aus dem Judentum ausgetretenen Personen widerspiegeln. A.-S. Vuletic stimmt mit Kurt Nowak ueberein, dass das saekulare Ziel der buergerlichen Gleichberechtigung durch den religioesen Akt der Konversion angestrebt wurde,[2] wobei er die Ursachen fuer diesen Prozess in dem mit der Aufklaerung verbundenen Emanzipationsprozess des beginnenden 19. Jahrhunderts sieht. Mit der Assimilation der Juden sei ein Wandel im Verstaendnis des Judenbegriffes in der deutschen Gesellschaft festzustellen, wonach dieser eine zunehmend saekulare Bedeutung erhalten habe, was zu der auch weit verbreiteten Unsicherheit fuehrte, ob ein Jude Angehoeriger einer Religionsgemeinschaft, einer Nation oder eines Volkes sei, eine auch in der heutigen Gesellschaft immer wieder anzutreffende Frage,[3] die im "Dritten Reich" auf die Frage der "Rassenzugehoerigkeit" hingefuehrt wurde. Vuletic' Darlegungen der Versuche der Nationalsozialisten, eine fuer sie befriedigende Loesung der Frage, wer "Jude" oder "Nichtarier" sei, zu finden und die Auswirkungen der darauf mit der "Machtuebernahme" einsetzenden Diskriminierungen weisen wenig ueber die bereits von Raul Hilberg gemachten Aussagen hinaus.[4]

In den einfuehrenden und die Rahmenbedingungen der Taetigkeit des Selbsthilfevereins und seiner Nachfolgeorganisationen behandelnden Kapiteln wird ein weiterer grosser Raum der Frage gewidmet, wie viele Deutsche juedischer oder teilweise juedischer Herkunft Betroffene der Rassenideologie waren, wie viele davon Angehoerige der protestantischen und der katholischen Konfession waren, welche Konsequenzen die Kirchen aus der Verfolgung ihrer Glaeubigen zogen und welche Unterstuetzung sie leisteten. Es ist jedoch nicht das Ziel von A.-S. Vuletic, eine eindeutige Angabe der Anzahl der Betroffenen zu machen, ein Vorhaben, das die Forschung bereits als nicht loesbar bezeichnete. Der Verfasser will anstelle dessen anhand zeitgenoessischer Angaben zeigen, wie sowohl die Nationalsozialisten als auch die Betroffenen mit Hilfe dieser Statistiken Argumentationen aufbauten, um entweder zu demonstrieren, welch bedrohlich grosse Gruppe "Juden" den Maschen der Rassenpolitik nicht entgehen duerfte, oder um die Zugehoerigkeit zu den "arischen" Deutschen zu beweisen. Insofern ueberrascht nicht, dass Vuletic Angaben zur Anzahl der Verfolgten aufweisen kann, die von 160 710 bis hin zu sieben oder acht Millionen Betroffenen schwanken (S. 38f). Inwieweit die Kirchen auf Verfolgungen ihrer Glaeubigen reagierten bzw. nicht reagierten, wurde von zwischenzeitlich vorgelegten Studien weiter ergaenzt.[5]

Nachdem A.-S Vuletic die zur Beschaeftigung mit der Selbsthilfeorganisation Christen juedischer und teilweise juedischer Herkunft und deren Nachfolgeorganisationen notwendigen Rahmenbedingungen dargelegt hat, wendet er sich diesen im Detail zu, wobei er ein bestimmtes Grundraster an Fragestellungen zugrunde legt. Der "Reichsverband christlich-deutscher Staatsbuerger nichtarischer oder nicht rein arischer Abstammung e.V.", der "Paulus-Bund" und die Nachfolgeorganisation "Vereinigung 1937" werden nach den Gruenden, die zur Gruendung gefuehrt haben, nach Zielen und Aufgaben, denen man sich mit der Gruendung verpflichtet fuehlte, deren Umsetzung und auf die Mitgliederentwicklung hin untersucht. Untersucht wird auch, inwieweit sich die Selbsthilfeorganisation in dem vom Staat vorgegebenen Rahmen bewegte, ob und wie sie mit Partei- oder Staatsbehoerden wie Gestapa und Gestapo zusammenarbeitete und wie das Verhalten gegenueber den Kirchen war.

Der Gruendung des "Reichsverbandes christlich-deutscher Staatsbuerger nichtarischer oder nicht rein arischer Abstammung" im Juli 1933 waren Ueberlegungen vorausgegangen, welchen Sinn und Zweck eine Selbsthilfeorganisation verfolgen sollte. Dazu zaehlte, inwieweit eine Integration in die "deutsche Volksgemeinschaft" Ziel sein sollte oder ob es nicht besser sei, Deutschland zu verlassen. Ueberhaupt war es 1933 fraglich, ob weitere Vereinigungen neben den bereits bestehenden juedischen Verbaenden staatlicherseits genehmigt werden wuerden, wobei aus Sicht der Nationalsozialisten Zusammenschluesse von Personen juedischer oder teilweise juedischer Herkunft ueberfluessig waren, da man sie unabhaengig von ihrer Religionszugehoerigkeit der "juedischen Rasse" zurechnete. Die zukuenftige Fuehrung des Verbandes suchte daher fruehzeitig den Kontakt zu Staats- und Parteifunktionaeren (S. 64), baute die Organisation nach dem "Fuehrerprinzip" auf und verdeutlichte so von Anfang an den Interessenkonflikt, in dem sie sich waehrend ihres als auch der Nachfolgeorganisationen Bestehens befinden sollte. Dieses Spannungsfeld reichte von dem Versuch, die Interessen der Mitglieder zu verwirklichen und der Zusammenarbeit mit dem Staat, um zum Verbot fuehrende Missverstaendnisse fruehzeitig beseitigen zu koennen bis hin zur urspruenglich vorgesehenen Interessengemeinschaft einer bedeutenden Anzahl deutscher Christen. In der Realitaet blieb der Verband jedoch immer auf eine kleine Schicksalsgemeinschaft reduziert, welche zum Zeitpunkt ihrer groessten Ausdehnung lediglich 5400 Mitglieder angehoerten (S. 273). Gemeinsam war den Mitgliedern die Ablehnung des Judentums sowie die national-konservative Gesinnung, deren Wurzeln in der ehemaligen Zugehoerigkeit zur hoeheren Mittelschicht lagen: der Industrie, des Handels und des Bildungsbuergertums. Die Geschichte des Verbandes und der nachfolgenden "Vereinigung 1937", deren Name keinerlei Hinweise auf den Inhalt des Verbandes mehr zuliess, ist eine Geschichte voller Misserfolge und abnehmender Handlungsfaehigkeit. Anfangs stand die Assimilationspolitik im Vordergrund, was zwar offiziell nie geaendert wurde, doch bereits 1934 hatte man auf Seiten der Vereinsfuehrung erkannt, dass der Reichsverband zu einer ins Abseits geschobenen Schicksalsgemeinschaft wurde. Die Einfuehrung der "Nuernberger Gesetze" drohte den Verband zu spalten, da er nun vor die Aufgabe gestellt war, die Interessen von "Juden" und "Mischlingen 1. und 2. Grades" zu vertreten, die etwa zu gleichen Teilen dem Verband angehoerten, jedoch unterschiedlich starker Verfolgung ausgesetzt waren. Hinzu kamen staatliche Interventionen, die von der erzwungenen Namensaenderung in "Paulus-Bund" letzten Endes zum Ausschluss aller "juedischen" Mitglieder und zur Gruendung der "Vereinigung 1937" fuehrte.

Vuletic stellt die Ausfuehrungen zu den einzelnen Entwicklungsstadien des Vereins bzw. seiner Nachfolgeorganisation auf eine breite empirische Quellengrundlage, wobei er sich zu weiten Teilen auf bis 1989 sich in Staatsarchiven der DDR befindliches und daher nicht zugaengliches Quellenmaterial stuetzt. Neben der Entwicklung des Vereins, seiner Arbeitsgebiete und deren zunehmender Ausweitung von Auswandererberatung und Unterstuetzung, der Stellenvermittlung und der Weiterbildungsangebote untersucht er die Entwicklung unter den verschiedenen Verbandsleitern. Neben dem Historiker Richard Wolff, der sein Amt wegen schwerwiegender finanzieller Vorwuerfe (S. 148) niederlegte, widmet sich A.-S. Vuletic der Rolle Heinrich Spieros, der der einschlaegigen Forschung vor allem wegen der Gruendung des "Bueros Spiero" bekannt ist.[6] Am Beispiel Spieros zeigt A.-S. Vuletic, welchen Verlust die Vereinigung durch die erzwungene Einhaltung der "Nuernberger Gesetze" und damit den Ausschluss aller "juedischer" Mitglieder erfuhr. Zugleich verdeutlicht Vuletic das Wirken der polykratischen Strukturen im "Dritten Reich" am Beispiel des weiteren Verbotes des Namens "Paulus-Bund", wo sich zwar Propagandaministerium, Gestapo und SS ueber ein gemeinsames Vorgehen gegen die Vereinigung verstaendigten, das Innenministerium aber erst zu Beginn des Jahres 1937 zum Vorgehen gegen den "Paulus-Bund" bereit war (S. 229). Die Ursachen fuer dieses Verhalten staatlicher Institutionen sieht der Autor vor allem in der aussenpolitischen Situation und in der Durchfuehrung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin.

Es ist unzweifelhaft Verdienst der Studie, die bisher in der Forschung anzutreffende kirchengeschichtliche Perspektive oder aber die Perspektive der Geschichte der Judenverfolgung verlassen zu haben sowie einen breiten Ueberblick ueber die Forschungsliteratur zur Frage von Statistiken, Begriffen, institutioneller Unterstuetzung zu liefern. Im letzteren liegt jedoch zugleich der Kritikpunkt, den man an die Studie stellen kann, da trotz spaeter Drucklegung ein Teil der neueren Forschungsliteratur keine Beruecksichtigung fand.

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